Geschichtlicher Überblick


Die heutige Republik Armenien umfasst nur einen kleinen Teil der gleichnamigen historischen Landschaft, des Armenischen Hochlandes. Die Armenier, die zu den ältesten Kulturen des südlichen Kaukasus gehören und ihre nationale Identität über mehr als zweieinhalb Jahrtausende herausbildeten, haben die Region über ihre Grenzen hinaus bedeutend geprägt. Auf dieser Seite finden Sie einen geschichtlichen Überblick.

Erebuni.

Die Antike. Während die sagenhafte Geschichte der Armenier mit dem legendarischen Riesen Hayk beginnt, der das Volk aufs Armenische Hochland führte, setzt die Geschichtswissenschaft beim Königreich Urartu an. Vom Reich der Urartäer, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen keine Armenier waren, sind u.a. die Ruinen von Erebuni bei Jerewan erhalten. Es war im 7. Jahrhundert  v. Chr. untergegangen und aus ihm ging in Gestalt der Orontiden (oder Yervanduni) die erste armenische Herrscherdynastie hervor. Das Gebiet des heutigen Armenien war damals Teil des Perserreichs, die ersten bildlichen Darstellungen von Armeniern stammen aus dem Relief der Apadana-Säulenhalle in Persepolis. Die Städte Armeniens, das an den Handelsrouten der Großen Seidenstraße lag, konnten sich prächtig entwickeln. Im 4. Jahrhundert v. Chr. kam die Region unter den Einfluss Alexanders des Großen, die Politik richtete sich zunehmend nach Westen aus und der Hellenismus erfuhr seinen ersten Höhenflug. Auch nach Alexanders Tod und der Aufteilung des Großreiches in einzelne Diadochenstaaten blieb die griechische Prägung erhalten, als sich in Gestalt der Artaxiden eine neue armenische Dynastie etablieren konnte: Münzen aus jener Zeit beschreiben den artaxidischen Herrscher Tigranes als Philhellenes („Freund der Griechen“). Tigranes der Große regierte von 95 bis 55 v. Chr. über ein riesiges Reich, das teilweise bis ins heutige Akko (Israel) reichte. In seinen Kiegen mit Rom verlor er jedoch alle seine Provinzen – bis auf Armenien, wo er König bleiben durfte.

Entstehung des ersten christlichen Staates der Welt. Armenien verlor seinen Einfluss und wurde zum Zankapfel Roms und der Parther. Den Parthern gelang es letztendlich, Vertretern ihres eigenen Herrscherhauses auf den Thron in Armenien zu verhelfen: Die Arsakiden (oder Arschakuni) behielten ihren Einfluss, auch als Armenien bis in die Spätantike zwischen Ost und West umkämpft blieb. Ende des 3. Jh. (n. Chr.) bestieg schließlich König Tiridates III. den Thron. Hundert Jahre zuvor waren die ersten christlichen Missionare ins Land gekommen und hatten die Armenisch-Apostolische Kirche begründet. Tiridates trat zum Christentum über und machte Armenien zum ersten christlichen Königreich der Welt. Eine neue Epoche in der Geschichte des Landes und auch in der Kultur der Armenier hatte begonnen.

Die Kirche der Hl. Hripsime in Etschmiadsin.

Mittelalter und Neuzeit. Bis zum Ende des 7. Jahrhunderts eroberte eine neue Macht den Nahen Osten und auch Armenien: Arabische Stämme amen mit einer neuen Religion, dem Islam, in die Region. Doch schon im 9. Jahrhundert schwächelte das Kalifat und eine Phase der armenischen Unabhängigkeit begann. Die Bagratiden (oder Bagratuni) konnten armenischem Wohlstand, Kunst und Literatur zu neuem Aufschwung verhelfen. Ihre Hauptstadt Ani, die als „Stadt von tausend und einer Kirche“ bekannt wurde, war größer als jede europäische Stadt zu dieser Zeit. Das Bagratiden-Reich ging Mitte des 11. Jahrhunderts zugrunde und Byzanz besetzte einen Großteil Armeniens. Aber auch verschiedenste andere Mächte hielten kurzzeitig Einzug: Seldschuken, die mongolischen Ilchane und die Timuriden zogen über Armenien hinweg. In einem Machtkampf zwischen den Osmanen und den safawidischen Persern wurden neue, dauerhafte Grenzen geschaffen: Der westliche Teil des historischen Armeniens kam zum Osmanischen Reich, der östliche Teil – einschließlich des Gebiets der heutigen Republik Armenien – verblieb unter persischer Herrschaft. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte dann auch das zaristische Russland im Südkaukasus Fuß fassen.

Das Völkermord-Denkmal Zizernakberd.

Das 20. Jahrhundert. Die Geschichte der Armenier in Anatolien endete auf tragische Weise mit dem Völkermord während des Ersten Weltkriegs: Eineinhalb Millionen Armenier kamen bei den Massakern ums Leben, zehntausende Überlebende flohen in die Diaspora. Dieses Kapitel ist das dramatischste in der armenischen Geschichte und ein in der Türkei bis heute sehr unzureichend behandeltes Thema. Der Ostteil Armeniens errang nach einem Sieg gegen die osmanischen Armeen im Jahre 1918 kurzzeitig die Unabhängigkeit und die Republik wurde verkündet. Doch zwei Jahre später musste der junge Staat dem Druck von Türken und Russen nachgeben und wurde als Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion. Erst 1991 erlangten die Armenier ihre endgültige Unabhängigkeit, bis heute ist die Außenpolitik jedoch geprägt durch den Konflikt mit Aserbaidschan und mit den türkischen Nachbarn im Westen.

Weltweit gibt es heute 12 Millionen Armenier, von denen aber nur drei Millionen im Land selbst leben. Durch den Völkermord im Osmanischen Reich, aber auch durch die politischen Verhältnisse in der Sozialistischen Sowjetrepublik Armenien wurden viele Armenier, die in den historischen Landschaften des Gebiets zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer heimisch waren, ins Exil getrieben. Heute gibt es eine blühende Diasporagemeinde, die über die ganze Welt zerstreut ist.