Die christliche Religion

 

Einsiedeleien, alte Klöster vor malerischer Kulisse und Kreuzsteine in den Bergen – das Christentum hat die Landschaft über Jahrhunderte geprägt und ist bis heute wichtiger Teil der armenischen Kultur. Die ersten Missionare kamen gegen Ende des 2. Jahrhunderts aus dem Süden in die Region. Vom 14. bis zum 20. Jahrhundert hatten die Armenier keinen eigenen Staat mehr, weshalb die Armenisch-Apostolische Kirche als Träger der nationalen und kulturellen Identität fungierte. Heute sind etwa 95% der Armenier Anhänger dieser Kirche, deren Anfänge auf zwei Apostel Christi zurückgehen.


Die Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus

 

Der Legende nach gründeten Judas Thaddäus und Bartholomäus in den Jahrzehnten nach der Kreuzigung Christi die ersten Gemeinden in Armenien. Das frühe Christentum unterlag noch einem starken syrisch-aramäischen Einfluss, denn Judas Thaddäus war vom Apostel Thomas ins syrische Edessa (heute Şanlıurfa/Türkei) gesandt worden, von wo aus er später nach Armenien kam. Zusammen mit dem Apostel Bartholomäus, dessen armenische Überlieferung aus dem 9. Jahrhundert stammt, gilt er als einer der Schutzpatrone der Armenisch-Apostolischen Kirche. Beide Apostel erlitten in Armenien einen grausamen Märtyrertod.

 

Der Hl. Gregor

 

In den Jahren 110 und 230 kam es in den jungen christlichen Gemeinden des römisch beeinflussten Armeniens zu großen Christenverfolgungen, die unter Kaiser Diokletian um 303 n. Chr. ihren Höhepunkt fanden. Zu dieser Zeit war Tiridates Klientelkönig in Armenien. Sein Schicksal ist eng mit der Christianisierung des Landes und auch mit dem der wichtigsten und herausragendsten Person des armenischen Christentums verknüpft: Gregor der Erleuchter, der nach armenischer Legende dem Hause des Parthers Anak entstammte, anderen Quellen zufolge aber aus dem kappadokischen Cäsarea (heute Kayseri/Türkei) kam, erreichte wie schon die Apostel als Missionar und Wunderheiler Armenien. Damals verbreitete sich aber auch der Zoroastrismus in Armenien und Gregor wurde von König Tiridates in eine Grube geworfen, weil er der Göttin Anahita nicht opfern wollte. An dieser Stelle verknüpft sich die Legende des Hl. Gregor mit jener der Hl. Hripsime.

 

Die Hl. Hripsime und die Bekehrung des Königs

 

Hripsime soll ursprünglich aus dem römischen Kaiserhaus gestammt haben, wo Kaiser Diokletian der schönen jungen Dame nachstellte. Mit 70 Jungfrauen floh sie deshalb nach Jerusalem, wo ihr die Jungfrau Maria erschien und sie anwies, nach Edessa weiterzuziehen. Mit nur noch 37 Jungfrauen zog Hripsime von dort weiter nach Armenien, wo auch König Tiridates auf sie aufmerksam wurde – durch einen Brief von Diokletian höchstpersönlich. Auch der armenische König wollte Hripsime nun heiraten. Die junge Frau weigerte sich jedoch und bevorzugte den grausigen Märtyrertod. Ihr Handeln und ihre Standfestigkeit hinterließen großen Eindruck beim Volk und führten zur Bekehrung der Armenier. Doch als Hripsime enthauptet worden war, fiel der König in tiefe Depressionen. An dieser Stelle kommt schließlich Gregor der Erleuchter wieder ins Spiel, der zu diesem Zeitpunkt schon dreizehn Jahre im Kerker gesessen hatte. Tiridates wusste sich nicht mehr zu helfen und ließ ihn aus der Grube holen. Der Missionar heilte den König, der sich daraufhin in den Wassern des Euphrat taufen ließ. Somit wurde das Königreich christlich.

 

Gregor der Erleuchter wurde erster Katholikos der armenischen Kirche und gilt heute als Schutzpatron der Armenier. An dem Ort, wo er seine Gefangenschaft verbracht hatte, steht das bekannte Kloster Khor Virap. Auch Hripsime wird als wichtige Heilige verehrt. In der religiösen Tradition der Armenier nimmt sie eine genauso hohe Stellung wie der Hl. Gregor ein. Ihr Grab liegt in Etschmiadsin, wo sich die ältesten Kirchen Armeniens befinden und wo bis heute der Sitz der Armenisch-Apostolischen Kirche angesiedelt ist.