Eine Moderne mit Gedächtnis – Zur deutschen Erstausgabe von Jerewan
von Thorsten Muth
Mit Mkrtitsch Armens Roman Jerewan liegt seit Anfang 2026 erstmals eine deutsche Übersetzung des 1931 erschienenen Werks vor. Darin konfrontiert der Autor seine Leser:innen mit einer der großen Identitätskrisen des frühen 20. Jahrhunderts, in der die entscheidende Frage lautet: Wie kann etwas Neues erschaffen werden, ohne das Alte vollständig zu verleugnen? Das lange Jahre verbotene und schließlich neu entdeckte Buch beschreibt eine Welt, die im Begriff ist, sich auf dem Weg in eine neue Zukunft selbst zu verlieren. Dabei bildet Jerewan selbst den eigentlichen Resonanzraum des Romans: eine Stadt zwischen Erinnerung und Entwurf, zwischen orientalischer Vergangenheit und sowjetischem Fortschrittsversprechen. Die von Susanna Yeghoyan übersetzte deutsche Fassung mit ihrem weinroten Einband ist Anfang 2026 im Guggolz Verlag erschienen.
Jerewan zwischen Abbruch und Umbruch
Der Dichter und Schriftsteller Mkrtitsch Armen (1906–1972, eigentlich Mkrtitsch Harutjunjan) zog erst 1925 aus seiner Geburtsstadt Gyumri nach Jerewan, doch er vollbringt etwas schier Unmögliches: Armen wagt sich hinein in die intimen Sphären einer Stadt, die bis dahin nur ein Nebenschauplatz der armenischen Literatur war. Der Autor ergründet die Seele einer sich wandelnden Stadt, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als ihr ursprünglicher Charakter schon im Verschwinden begriffen ist und von einst lebendigen Orten nur noch Gerippe übrig sind. Armen nimmt uns etwa mit in das dunkle Zimmer einer Teestube, das im Laufe seiner geheimnisvollen Geschichte mal Opiumhöhle, mal Versteck für Schmuggelware, einmal sogar Schauplatz eines Mordes gewesen sein soll: „Wir öffnen die Tür – und unsere Augen werden vom gleißenden Licht der Tagessonne geblendet. Die Ohren werden von hämmernden Schlägen und Menschenstimmen betäubt, und wir schrecken im ersten Moment ein paar Schritte zurück, weil wir nichts begreifen. An der Stelle des zerstörten Zimmers ragt – mit Holzbalken umkleidet und gänzlich aus Stein – ein dreigeschossiges Haus empor.”
Diese fiktive Szene aus den 1920er Jahren liest sich wie ein Sinnbild, das auch auf die Gegenwart zutreffen könnte: Was Mkrtitsch Armen hier beschreibt, ist der anhaltende Überlebenskampf einer unsterblichen Stadt, der bis in die Gegenwart anhält – versetzt uns diese Szene doch in eine wohlbekannte Baustellenlandschaft mit skelettartigen Hausfassaden, wie sie auch heute noch die eine oder andere Straße der armenischen Hauptstadt säumen. Dieser Stadt im Umbruch, in der Altes verschwindet und Neues entstehen soll, begegnet in Armens Roman auch ein junger Architekt namens Arschak Budarjan. Schlaflos eilt dieser durch die dunklen Gassen, dem Geräusch von Kamelhufen und bimmelnden Glocken folgend. „Diese Nacht zieht eine Karawane über die Hügel von Jerewan.” Wie um eine verlorene Zeit heraufzubeschwören, wird dieses Mantra immerfort wiederholt. Das alte Jerewan, nach dem sich Budarjan sehnt, erscheint im Roman niemals nur als bloßes Stadtbild, sondern immer als Klangraum: Die Teestuben und Badhäuser, die Kamelglocken und die betörende Musik der Zurna lassen eine Welt lebendig werden, die schon im Moment der Beschreibung dem Abriss übergeben ist. Dabei gehen Erinnerungen und Sehnsüchte, Traum und Realität ineinander über, bis nicht mehr eindeutig ist, ob der Protagonist die Stadt erwandert, erinnert oder erträumt.
Suche nach Identität: Der neue Orient
Die Erkenntnis, dass das alte Jerewan nicht zu retten ist, setzt sich bei Arschak Budarjan nur langsam und widerwillig durch. Was ihm, dem Architekten, als ästhetische Ressource und wichtige Inspiration dient, wird von den anderen Stadtplanern als überholt angesehen. Selbst unmittelbar Betroffene, deren Haus zum Abriss vorgesehen ist, interessieren sich mehr für die Kompensation als für die Gebäude. Die einzigen Verbündeten macht Budarjan in einer bunten Mischung von Verwandten, Nachbarn und Fremden aus, die er als „Enthusiasten“ bezeichnet und die auf seine Initiative hin die Vergangenheit, die bis gerade eben noch Gegenwart war, leidenschaftlich verabschieden: „Hört zu, ihr Enthusiasten! Jedes Haus in Jerewan, das zerstört werden soll, werden wir mit Musik und Tanz übergeben.“ Trinksprüche und Grillspieße, die Klänge von Tar und Kamantscha, aber auch reichlich Alkohol begleiten immer mehr Gebäude bis zur Abrissbirne.
Die intellektuelle Mitte des Romans bildet wohl der Konflikt zwischen den Kontrahenten Arschak Budarjan und Gurgen Parsadanjan: Beide Chefarchitekten wollen ein neues Jerewan erschaffen, verfolgen aber völlig unterschiedliche Philosophien. Während Parsadanjan und die übrigen Architekten auf Funktionalität setzen und den sozialistischen Wohnungsbau nach dem Motto „vier Wände und ein Dach“ vorantreiben wollen, speist sich Budarjans Vision des neuen und modernen „Orients“ aus kulturell verwurzelten Formen und vertrauten Traditionen. Da er das alte Jerewan nicht retten kann, möchte er wenigstens den Geist des Orients, der in der Vergangenheit vom europäischen und russischen Westen so bewundert und oft kopiert worden war, konservieren und wiederbeleben. Auf der Suche nach einer derartigen Renaissance droht Budarjan jedoch zu verzweifeln, ganz ähnlich wie auf seiner Suche nach der mysteriösen Kaufmannswitwe Asmar, die als Objekt einer fast schon obsessiven Sehnsucht nicht nur eine Liebschaft, sondern auch eine verlorene Vergangenheit verkörpert. Und so wandelt Arschak Budarjan durch Gassen, deren Häuser leer stehen, um Menschen, die längst fortgezogen sind, für eine Vision von Jerewan zu begeistern – die sich möglicherweise nicht erfüllen wird.
Armen macht Architektur und Bau, wo sich die schöpferische Kraft des sozialistischen Aufschwungs manifestieren sollte, zum Schauplatz einer grundlegenden Identitätsfrage: Wie soll das neue Jerewan aussehen und welcher Geist soll es prägen? Der Konflikt zwischen Budarjan und Parsadanjan reicht dabei weit über eine lokale Debatte hinaus, denn er berührt eine Grundfrage der globalen Moderne, die in der Zwischenkriegszeit viele Denker aus nicht-westlichen Kulturkreisen beschäftigte: Wie übernimmt man Technik und Fortschritt, ohne sich kulturell zu entkernen? Der Roman übersetzt diese Auseinandersetzung zwischen Ost und West in Grundrisse, Mauern und Stein. Besonders bemerkenswert ist, dass der Roman bereits Fragen nach Identität, kultureller Fremdzuschreibung und „Orientalismus“ verhandelt, lange bevor Edward Said diesen Schlüsselbegriff 1978 in den westlichen akademischen Diskurs einführte.
Von der Zensur zur Wiederbelebung eines Klassikers
Auffällig abwesend bleibt der nur wenige Jahre zurückliegende Völkermord, zu dem Mkrtitsch Armen in seinem Roman an keiner Stelle Bezug nimmt. Auch die Ankunft der Überlebenden tritt nicht in den Vordergrund. Zwar benennt der Text soziale Gegenwartsprobleme, wie etwa die gravierende Wohnungsnot, löst diese jedoch weitgehend von ihrer traumatischen historischen Vorgeschichte. Trotzdem fiel Jerewan der Zensur zum Opfer und wurde im Jahr 1932, nur kurze Zeit nach seinem Erscheinen, wegen lokaler nationalistischer Tendenzen verboten. Als weitere Begründung für die Entscheidung, die das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Armeniens getroffen hatte, nennt Übersetzerin Susanna Yeghoyan in ihren Anmerkungen die „Orientierung zum feudalen Osten“. Die offiziell formulierten Vorwürfe waren politischer Natur, doch darüber hinaus lässt sich das Verbot auch als Symptom einer ästhetischen Verengung lesen: Jerewan war kein glatter Aufbauroman im Sinne des gerade entstehenden und politisch geförderten Sozialistischen Realismus. Die unsichere Bewusstseinslandschaft, die Armen in seinem Roman aufbaut und in der sich Träume, Erinnerungen und Realitäten vermischen, muss auf die Zensoren verdächtig gewirkt haben, denen mit Jerewan keine einfache Fortschrittserzählung vorlag, sondern ein verschachtelter, mehrdeutiger Stadtroman. Auch die vielen Spiegelungen, Namensähnlichkeiten und Doppelgänger-Motive widersetzen sich jener eindeutigen Lesbarkeit, die der entstehende Sozialistische Realismus zunehmend verlangte. In seinem unter Rechtfertigungsdruck geschriebenen Essay Wie Romane geschrieben werden (1932), der ebenfalls im Buch abgedruckt ist, rechtfertigt sich Armen noch ausführlich, ehe sein Werk verboten und vergessen wurde. Mehrere Jahrzehnte sollten vergehen, bis Jerewan im 21. Jahrhundert wiederentdeckt und 2016 erneut auf Armenisch veröffentlicht werden konnte. Damit wurde etwas zurückgegeben, das sowohl den Leser:innen als auch der Fachwelt lange Zeit vorenthalten worden war: ein in Vergessenheit geratenes Monument armenischer Literatur, das Denkmal einer Stadt, wie sie sonst noch nirgends beschrieben wurde.
Die Kunst der Übersetzung
Lange genug musste das deutschsprachige Publikum auf eine Übersetzung des Romans warten, doch nun halten wir die bisher einzige fremdsprachige Fassung von Jerewan in Händen. Das Warten hat sich zudem gelohnt: Susanna Yeghoyans Versuch, die Vielschichtigkeit von Jerewan im Deutschen abzubilden, scheint geglückt. Ohne die Übertragung im Einzelnen am armenischen Original messen zu können, lässt sich ohne Zweifel feststellen, dass die deutsche Fassung die klangliche und bildhafte Kraft des Romans auch für Leser:innen eindrucksvoll erfahrbar macht, die des Armenischen unkundig sind. In ihren hilfreichen Anmerkungen zu Mkrtitsch Armens Roman liefert Yeghoyan wertvolle Einblicke zum Text des Autors, aber auch zu ihrer eigenen Herangehensweise. Die Germanistin, die in Graz im Fachbereich Russisch lehrt, hat sich an die Aufgabe gewagt, „etwas vom Armenischen ins Deutsche hinüberzutragen [und] den Autor in einer ihm fremden Sprache sich selbst nicht fremd werden zu lassen“ – und hat Armen und seiner Leserschaft damit einen großen Dienst erwiesen.
Weshalb Jerewan relevant ist
Das Erscheinen des Romans auf Deutsch eröffnet nun einem weiteren Publikum den Zugang zu einem Jerewan, das noch nicht als Pink City, sondern als Stadt der Sonne und des Goldes beschrieben wird und in dem Christen und Muslime, Armenier und Türken (oder Aserbaidschaner) einst Seite an Seite gelebt, gearbeitet und gefeiert haben. So entsteht das Bild einer eigenen Welt, an die sich heute kaum noch jemand erinnern kann – oder erinnern will. Damit ist der Roman zweifellos ein bedeutendes Zeitdokument, doch natürlich bleibt er auch eine fiktive Erzählung. Der Autor selbst bezeichnet ihn als das erste nicht biografisch angelegte Werk seines Schaffens; er bediene sich beim Schreiben jener schöpferischen Methode, in der er über dem Werk stehe: „Welcher der Helden meines Buches ließe sich mit mir identifizieren? Keiner“, bekennt er in seinem Essay. Dass er dort vor der armenischen Öffentlichkeit und den Zensurbehörden Stellung bezieht, erweist sich einerseits als Glücksfall, andererseits beraubt der Autor seine Leser:innen dort leider auch eines Teils des Interpretationsspielraums. Denn genau das macht Jerewan für Kenner:innen der armenischen Hauptstadt so spannend: Auffällige Symbole, unmögliche Zufälle, Wiederholungen und andere Details, von Susanna Yeghoyan mit großer sprachlicher Finesse ins Deutsche übertragen, laden bei der ersten ebenso wie bei späteren Lektüren zum Rätseln und Diskutieren ein. In jedem Fall ist nach Jahrzehnten der Zensur und dank einer äußerst lesenswerten Übersetzung nicht nur ein bedeutendes Stück Literatur wieder zugänglich gemacht worden. Auch die bis heute offene Debatte darüber, wie eine Moderne mit Gedächtnis aussehen könnte, hat eine zeitweilig verstummte Stimme wiedergewonnen.
(ADK 211, Jg. 2026 / Heft 2, S. 57f)